Bildungspolitik: PISA
Beschluss des BHA vom 31.5. - 2.6. 2002JungdemokratInnen / Junge Linke fordern die Gewährleistung eines Grundrechts auf Bildung für jeden Menschen, unabhängig von Verwertungsinteresse im derzeitigen Wirtschaftssystem. Staatliche Bildungsinstitutionen sind demokratisch zu organisieren und ihre Finanzierung ist ausschließlich durch staatliche Mittel zu gewährleisten.
In den Schulen des Landes Hessen wie auch in anderen Bundesländern werden SchülerInnen Selektionsmechanismen, Leistungsdruck und fremdbestimmten Lehrinhalten unterworfen, haben nur vereinzelte, völlig unzureichende demokratische Mitbestimmungsrechte und werden durch immer neue Kürzungen von Bildungsausgaben in ihren Bildungsmöglichkeiten drastisch beschnitten.
Für JungdemokratInnen / Junge Linke beinhaltet Bildung jedoch hauptsächlich die Möglichkeit, sich selbstbestimmt und interessenorientiert entwickeln zu können. Dies ist nur in radikal demokratisierten Bildungsinstitutionen möglich. In diesem Rahmen können, nach Meinung von JungdemokratInnen / Junge Linke, interne und externe Evaluation, eingebettet in eine umfassende wissenschaftliche Begleitung mit dem Schwerpunkt der individuellen Beratung der Lernenden und Lehrenden, ihren Platz haben. Zielsetzung muss dabei die demokratische und emanzipatorische Weiterentwicklung von Bildungsinstitutionen und Pädagogik sein.
Das neoliberale Bildungskonzept der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) steht diesem radikaldemokratischen Verständnis entgegen. Das unter Federführung der OECD durchgeführte Programme for International Student Assessment (PISA), zielt auf eine Effektivierung nationaler Bildungssysteme zum Zwecke der effizienten Nutzung und Entwicklung ihres „Humankapitals“. Bildung wird als Standortfaktor aufgefasst, den es durch Bereitstellung anpassungsfähiger und –williger ArbeitnehmerInnen mit ökonomisch relevanten Schlüsselqualifikationen und Fachkenntnissen zu optimieren gilt.
Bildung soll nicht öffentliches, sondern marktfähiges Gut sein.
JungdemokratInnen / Junge Linke setzen sich zum Ziel die unkritische Rezeption der PISA-Ergebnisse mit den neoliberalen Intentionen der OECD und der äußerst beschränkten Aussagekraft der erhobenen Daten zu kontrastieren.
Die PISA-Studie kann aufgrund ihrer simplifizierenten, standardisierten Form individuelle Lernentwicklungsprozesse in ihrer Komplexität nicht erfassen. Zudem handelt es sich um punktuelle Erhebungen, die keine Aussagekraft über die Entwicklungstendenzen eines Schulsystems oder die Förderung der SchülerInnen zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Schulzeit besitzt.
JungdemokratInnen / Junge Linke stellen fest, dass zahlreiche (bildungs-)politische Organisationen, die einem emanzipatorischen und demokratischen Bildungsbegriff nahe stehen, sich zur Begründung ihrer politischen Forderungen positiv auf PISA beziehen, ohne dabei eine Kritik der Prämissen, unter denen der Diskurs über die PISA-Ergebnisse geführt wird, erkennen zu lassen. Daher muss als Konsequenz der bildungspolitischen Position von JungdemokratInnen / Junge Linke zunächst ein Dialog mit diesen Gruppen über PISA und Strategien im Kampf gegen die Ökonomisierung von Bildung stattfinden
PISA vermag jedoch durch eine Erfassung von Daten über den sozialen und familiären Hintergrund der SchülerInnen einfache Korrelationen sozialer Bedingungen zu Bildungschancen in den Schulsystemen der Teilnehmerstaaten aufzuzeigen.
Die Exklusion von sozial benachteiligten Menschen und solchen aus Familien mit Migrationshintergrund von Bildungschancen sind nach Ansicht von JungdemokratInnen / Junge Linke kein neues Phänomen. Die Kritik des gesellschaftlichen Rassismus und der Ursachen sozialer Ungleichheit muss weiterhin zentraler Bestandteil jungdemokratischer Politik sein.
Um so mehr gilt es in dieser Situation der Forderung nach einer Gesamtschule als einzigen Regelschule Nachdruck zu verleihen. Entgegen der herrschenden Vorstellungen von „natürlicher Intelligenz“ determinieren gesellschaftliche Verhältnisse, Milieus und Hintergründe maßgeblich die kognitive Entwicklung des Individuums. Allen gleiche Rechte und Chancen einzuräumen ist Grundsatz radikaldemokratischer Bildungspolitik JungdemokratInnen / Junge Linke fordern daher ein Bildungssystem, das nicht qua Selektion soziale Schichten und Gruppen in Gliedern isoliert, sondern sozialer Fragmentierung entgegenwirkt und so zu der tatsächlichen Möglichkeit selbstbestimmter Entwicklung sowie der Gestaltung demokratischer Prozesse beiträgt. Das bisherige Schulsystem ist nicht in der Lage der Heterogenität von Interessen und Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Mit autoritären Mitteln presst es die Schüler in eine Dreigliedrigkeit, die für den kapitalistischen Verwertungsprozess vorsortiert.
JD/JL sehen in der flächendeckenden Einführung eines öffentlichen Gesamtschulsystems die Chance bisherige soziale Ungleichheiten zurückzudrängen sowie demokratische und solidarische Lernprozesse zu organisieren. Kritikwürdig ist in diesem Zusammenhang die Forderung nach einer sog. „Schulformpluralität“ (Jedem Schüler seine Schule!). Weder führt sie zu schulischen Verhältnissen, die einen selbstbestimmten Entwicklungsprozess ermöglichen noch kompensiert sie soziale Ungleichheiten. Vielmehr verunmöglicht sie kollektiv-demokratische Entscheidungsprozesse der Betroffenen und isoliert die Lernenden in den jeweiligen Einrichtungen. Die bisherigen Versuche ein emanzipatorisches Gesamtschulsystem zu etablieren scheiterten größtenteils aufgrund ihrer mangelnden Marktgängigkeit oder ihrer weitgehenden Ausrichtung auf selektive und autoritäre Mechanismen unter dem Sachzwang der „Schulformkonkurrenz“. JungdemokratInnen / Junge Linke fordern deshalb die flächendeckende Einführung einer Integrierten Gesamtschule (IGS) ohne spezifische Selektionsmechanismen als alleinige Regelschule und als ersten Schritt in Richtung eines eingliedrigen, öffentlichen und demokratisierten Schulsystems.