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Da haben wir mit dem Wissen der Eltern in einem Bett geschlafen und Moustaki gehört.

Autor_in: 
M. Otterbein
Text: 

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in Queerulant_in, Nr.1, Ausgabe April 2012 des Autonomen Schwulen-Trans*-Queer-Referates der Uni Gießen.)

 

Die Gruppe H war eine emanzipatorische Gruppe aus Gießen, die sich für die Entkriminalisierung von Homosexualität und für die Gleichbehandlung von Lesben und Schwulen einsetzte. Die Gießener Gruppe wurde 1972 gegründet. Interview mit Lothar Albrecht, einer der ersten Personen, die für die Gruppe H in der Öffentlichkeit standen. Lothar Albrecht war Anfang der 1970er Jahre AStA-Vorsitzender und in der Gruppe H aktiv.

Auszug aus einem Gespräch über Coming-Out, Moral, Unsexyness und immer noch existierenden Benachteiligungen von LGB(T*IQ).

 

M. Otterbein (MO): Es freut mich, dass wir uns für das Gespräch treffen konnten. Was mich zu erst interessiert: Wie hast du dein schwules Coming-Out erlebt und wie kamst du zur Gruppe H, die in den 1970ern in Gießen einige Aktionen gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben gemacht hat?

 

Lothar Albrecht (LA): Irgendwie war damals Coming-Out ein längerer Prozess für den normalen Jüngling. Er wusste zwar was er will, aber es gab ja keine Rollenbilder, außer vielleicht Tod in Venedig oder James Baldwin.

Ich war halb froh in England, habe dort Tod in Venedig gesehen, alleine, und habe mir dann das erste schwule Heftchen gekauft. Das war damals so etwas wie die Him. Da haben junge Herren die Hose runtergelassen und das wars. Das hat jedoch gereicht zur Fantasie. Und dann habe ich, ich war damals zwanzig, einen jungen Mann kennengelernt. In Loch Inverness. Also das Precoming-Out war in Loch Inverness. Da haben wir mit dem Wissen der Eltern in einem Bett geschlafen und Moustaki gehört. Naja, ich bin dann jedenfalls nach Gießen zurück und war scheißunglücklich und habe Rotz und Wasser geheult, dass ich im scheiß Gießen sitze: was mache ich mit meinem Leben? In der Zeit bin ich gerade umgezogen in das Studentenheim am Eichendorffring. Dort stieß ich dann auf die Gruppe H, denn im Studentenheim lernte ich jemanden kennen, der sich dort engagierte und der dann auch mein erster Freund wurde. Die hatten sich erst zwei Wochen vorher gegründet. Und das war eine ganz kleine Gruppe - Vielleicht 6 Schwule, 6 Lesben. Wir waren alle natürlich schwer politisch aktiv. Und als Höhepunkt ersinne ich mich vor allem eines Kiss-ins im Seltersweg.

 

MO: 1972?

 

LA: 71/72, so in dem Dreh. Dieses Kiss-In führte dann zu größeren Menschenaufläufen. Leute haben uns beschimpft, Leute fanden das gut. Wie man die Menschen aufwecken kann, mit demonstrativem Knutschen. Und sonst war die Gruppe H auch eine politische Gruppe. Mein erster Freund war in der linken Sozialdemokratie. Ich war linksliberal. Bei den Linksliberalen wars kein Problem mit dem Coming-Out und dem Schwulsein. Aber bei den Sozialisten war es ein Problem. Sie haben lange diskutiert, ob sie ihn rausschmeißen müssen - nicht die Frauen natürlich, sondern die blöden Heteros.

Und dann war eigentlich das komische: Ich war in Unigremien aktiv und die Universität, der Universitätskörper, stinkelangweilige, konservative Professoren, waren eigentlich liberal. Wenn ich mir überlege, dass ich offen schwul war. Und ich hatte ja nie Angst. Keine Lebensangst als Schwuler, auch nicht in der Zeit.

Und dann begann im AStA programmatisch die Organisation von Coming-Out für die Leute. Also was bei mir ja noch relativ lange gedauert hat, also bis 21, und vielleicht noch länger gedauert hätte, war eigentlich das wichtigste zu zeigen, dass wir da sind. Als AStA-Vorsitzender, der ich war, musste ich dann Präsenz zeigen. Das war eigentlich eine blöde Rolle, weil man natürlich oft von jungen Herren, die im Coming-Out waren, angesprochen wurde. Klingt erstmal lustig, ist aber auf Dauer Langweilig. Man war der offizielle Schwule, man wird ständig angesprochen.

 

MO: Und darauf reduziert?

 

LA: Genau, und zu meiner Zeit wurde man von den Frauen angesprochen bezüglich der Abtreibungsadressen und von den Schwulen wurde man angesprochen: 'Ich bin schwul. Was mache ich denn mit meinem Leben?' Die dann Unterstützung wollten. Es kam immer noch vor, dass sie zu Hause rausflogen und alleine da standen, Das kann man sich ja heute nicht mehr vorstellen. Ja, und die waren alle sexuell unerfahren, ganz komisch. Die hatten auch keine Informationen. Heute weiß ein Zehnjähriger, der im Internet guckt, was es alles so gibt im Leben. Die waren also wirklich sexuell unerfahren.

 

MO: Aber das lag ja daran, dass es kein Internet gab und keine Informationsbroschüren.

 

LA: Es gab gar nichts. Es gab die Zeitschrift DU&ICH und Him, wo mal junge Herren mit heruntergelassener Hose dastanden - Und das musste reichen.

 

MO: Das reichte vielleicht auch für den Anfang?

 

LA: Für den Anfang ja. Das wurde dann heimlich gekauft. Und dann kam 1971 Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ und den haben wir natürlich öfters gezeigt und das war voll. Die Veranstaltungen wurden jedoch dominiert von intellektuellen Schwätzern - nicht-schwulen intelektuellen Schwätzern.

Im Grunde war es ja ein erbärmlich schlechter Film. Aber ein wichtiger Film. Manchmal sind schlechte Filme wichtige Filme.

 

MO: Es wurde sich dadurch damit auseinandergesetzt.

 

LA: Das wurde es dann, aber Dieser moralische Unterton, Sie kennen wahrscheinlich den Film? Es war unerträglich, aber es gab sonst nichts.

 

MO: War das denn früher in Gießen bei den Leuten brisant, dass sie Angst hatten geoutet zu werden?

 

LA: Die hatten ziemlich Angst. Also man muss unterscheiden wie die Leute gelebt haben: Welches Elternhaus, wie selbstbewusst jemand war. Das hatte auch oft mit Körperlichkeit zu tun. Ich glaube wer sexuell Erfolg hatte, Erfüllung fand, war auch selbstbewusster als jemand, der das nicht kannte und den keiner haben wollte. Aber es warendie Siebziger und die Welt hat sich damals geändert. Die Rolle der Frau hat sich verändert. Und die Welt der Schwulen hat sich geändert. Aber ich hab schon Leute leiden sehen. Ich habe auch in späteren Jahren Leute gesehen, wenn sie aus streng protestantischem Elternhaus waren: Einmal hatte sich ein Jüngling von 17 in einen Freund von mir verliebt, der Ende 20 war. Der sagte zu Hause auch, „Ich bin schwul“- und Tür auf, raus. Jetzt reden wir von den späten 70ern. Viele hatten ganz einfach das Problem, dass sie aus den kleinen Städten kamen, hiesigen Strukturen. Die hatten halt ein Problem. Die zukünftigen Lehrerstudenten hatten noch Angst vor dem Staat, zum Teil.

Das Thema war halt einfach den Leuten die Möglichkeit zu geben zu Reden und sich kennen zu lernen. Wir waren alle unglaublich schüchtern. Also man hat geschmachtet, wie heute im kitschigen Roman, hat man Kommilitonen angeschmachtet, die nicht schwul waren, aber bescheid wussten - über Monate. Das war also eine ziemliche naive und romantische Zeit für viele. Schmachten - das macht heute kein Mensch mehr, wenn man 15 ist und hat das Coming Out, man hat Fun - mehr oder weniger. Damals hat man gelitten. Also herrschte damals eine unheimliche Naivität vor.

 

MO: War das eine Flucht in die Romantik?

 

LA: Nicht direkt. Diese romantische Einstellung ist aber lange Zeit geblieben, und ich brauchte, also dieses Schmachten und hoffen auf große Freundschaft und nicht groß herumvögeln, war so eine Lebenshaltung. Also dieses sich nicht trauen - wir waren unglaublich moralisch. Ich habe einen damaligen Freund, einen Briefträger. Und der hatte einen wunderschönen mexikanischen Freund und das war einfach eine faire Abmachung. Der hatte den Mexikaner bezahlt, dass er sein Abitur machen konnte und hat später Ingenieur studiert. Ich fand es so unglaublich unmoralisch, wie ein 40jähriger Briefträger einen 17jährigen, explizit hübschen Mexikaner nach Deutschland holen kann. Das fand ich unter aller Würde so etwas. Also wir waren unglaublich moralisch, naiv, schon blöde.

 

MO: Also, steckt in so fern eine Verbindung zur evangelischen Studentengemeinde, in der sich die Gruppe H mehrere Jahre lang getroffen hat?

 

LA: Das würde ich nicht sagen. Die evangelische Kirche hat da keine große Rolle gespielt, sie war nur offener, sonst hätten wir das sicher in Universitätsräumen gemacht. Aber die hatten genug Räume zum Schallplatten auflegen.

 

MO: Dann eher so ein gesellschaftliches Moralisch sein, als Vorbild: wir sind eigentlich gar nicht so schlimm?

 

LA: Ja, wir sind eigentlich nicht so Monster, "Wir wollen eigentlich gar keinen Sex." Das ist vollkommen albern, zumindest teilweise. Dementsprechend unspektakulär war es, aber dann doch wieder spektakulär, denn die Leute hatten Angst. Aber das ist ja immer so: Wenn sie ein paar Schritte gemacht haben und öffentlich wurden, hatten sie keine Angst mehr. Man konnte in Studentenkneipen gehen. Gibts das Scarabée noch?

 

MO: Ja, das gibts noch.

 

LA: Da konnte man paar Mal die Woche hin, händchenhalten und knutschen und es hat einfach keinen interessiert. Dort gab es nie aggressive Situationen. Aber sonst gab es ja auch wenig in Gießen. Die Frage ist: Warum hat man es dort ausgehalten? Es war die Fortsetzung einer traditionellen deutschen Jugend, wenn man als Jüngling, als Gymnasiast, geschmachtet hat. Man hatte viele Partys, aber man hat auch viel gelesen oder Gespräche geführt. Ich will das jetzt nicht überhöhen oder sowas, und diese Einsamkeit habe ich bei ein paar Leuten wieder gefunden, in China, in einer ähnlichen gesellschaftlichen Situation. Ich will Deutschland jetzt nicht mit China vergleichen, aber die Gruppe: Man wusste was man wollte, man wusste, dass es ziemliche Probleme fürs Leben geben, wenn Leute es erfahren.

Und diese Einsamkeit der Leute, dieser Hunger, die sind ja keine 16 mehr, 14 oder 13. Sondern dieser Hunger wenn man 19 oder 20 sind. Dort schlafen sie dann mit allen, wenn es sich anbietet. Es ist dramatisch gewesen.

Man lernt natürlich auch im Laufe des Lebens, dass es viele Parallelen zu damals gibt. In der Marburger Gruppe, mit der ich zu tun hatte, habe ich Selbstmorde erlebt. Leute die man kannte und die in Betreuung waren. Die Marburger Gruppe hatte einen viel härteren Gang. In meiner Zeit fanden zwei Selbstmorde statt.

 

MO: Solche Suizidserien in den USA waren ja vor einiger Zeit sehr stark in den Medien. In Deutschland ist das momentan nicht mehr der Fall.

 

LA: Das kann auch Zufall sein.

 

MO: Hieß die Marburger Gruppe auch Gruppe H?

 

LA: Die hießen glaube ich Marburger Schwulengruppe. Gabs ja überall. Und da gabs auch die ganze Schiene, mit der ich jedoch nichts zu tun haben wollte, mit der Vereinsmeierei. Bundesweit gab es dann allerlei.

 

MO: Also was dann letztendlich in den LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) überging?

 

LA: Wahrscheinlich. Das war ja auch die Zeit des ständigen Organisierens. Politische Gruppen haben sich ständig organisiert, Frauen haben sich in allen möglichen Gruppen organisiert. Das war die Zeit des deutschen Vereinslebens. Die schwulen Hundebesitzer oder was es alles gab - keine Ahnung. Das hat sich inzwischen alles aufgelöst. Wer will heute freiwillig irgendeinem Verein angehören? Die wollen ja nicht mal auf einem Friedhof beerdigt werden.

 

MO: Was würden Sie sagen gibt es weitere große Unterschiede im Vergleich von heute zu damals?

 

LA: Erstmal das Wissen und dann das Tun. Heute weiß ein 12jähriger übers Leben mehr, als wir mit Anfang 20. Normalerweise fängt man an mit 14, 15 und damals war der Durchschnitt wahrscheinlich bei 21 oder so was. Wir haben uns glaube ich im Schnitt ziemlich gequält. Viel Phantasie, viel Hoffnung, viel Träumen, aber wenig Praxis. Und anscheinend war ich besonders blöde, oder wenig Kompromissbereit. Also ich hatte schon meine Vorstellung was ich wollte und was ich gesucht habe. Im Grunde waren wir schon ziemlich naiv und harmlos, ziemlich unsexy.

 

MO: Unsexy?

 

LA: Unsexy! Auch Klamotten spielten keine Rolle. Jeans, Hose, Hemd, Jacket. Ich meine, wo gabs auch sexy Werbung? Vielleicht in der twen. Aber das Schwulsein war schon ein Mittelpunkt des Lebens.

 

MO: Noch eine abschließende Frage: Momentan gibt es ja in Halle eine Gruppe, die sich einsetzt, dass die Leute, die auf Grund §175 nach 1945 verurteilt wurden rehabilitiert werden. Bis jetzt wurden nur Personen rehabibilitiert, die vor 1945 auf Grund von §175 verurteilt wurden.

 

LA: Die wurden nie rehabilitiert? Das ist ja ein Unvermögen des Staats zu sagen; Entschudligung oder wir haben etwas falsch gemacht. Alle möglichen Leute sind rehabilitiert worden, die Schlimmes getan haben. Deshalb wäre es an der Zeit. Aber schauen Sie: Wenn Sie aus versehen in den Knast kommen, unschuldig. Und nach 10 Jahren stellen Sie fest, der Mörder war jemand anders, was kriegen Sie dann dafür?

 

MO: Es ist also eine Geldsache?

 

LA: Wenige Staaten, weder der US-Amerikanische, noch der Französische noch andere, können sagen, dass sie Scheiße gebaut haben und nun rehabilitieren. Der Staat/Die Staaten sind gegenüber Opfern immer noch sehr schäbig. Hat ungern ein Einsehen, und Geld gibt es schon gar nicht. Und die Leute, die Richter waren, die Sklaventreiber waren, die Pensionen bekommen und Geld verdient haben, dass die Geld herausrücken für ihre Opfer, ist sehr selten. Da muss man eine mächtige Lobbygruppe haben, aber wichtig wäre es natürlich! Für verpfuschte Leben, kaputte Leben und unglückliche Leben.

 

MO: Es ist ja auch absurd, dass manche auch Vorbestraft sind, auf Grund von homosexuellen Handlungen und es dann in der Akte stehen haben.

 

LA: Wir haben einen schwulen Außenminister, haben einen Oberbürgermeister in Berlin, hatten wohl einen in Hamburg und in allerlei kleineren Städtchen. Ist es denn so wichtig?

 

MO: Aber es ist schon noch ein Thema. Ich denke, dass es immer besser wird, aber auch in Deutschland existieren Sachen, wie die Rehabilitierung oder dass Schwule noch kein Blut spenden dürfen.

 

LA: Und es gibt kein umfangreiches Adoptionsrecht. Und mit der Steuer … wobei ich gegen das Ehegattensplitting bin. Dass die ganzen Hetereos dann Steuervorteil bekommen. Das sollte man abschaffen. Es gibt also durchaus Punkte, bei denen man etwas tun muss.

 

MO: Vielen Dank für das Gespräch.

 

April 2012

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