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Für mehr Feminismus! ...und was wir damit meinen

Autor_in: 
ju*fem_netz
Text: 

- Der folgende Artikel ist ein Positions- bzw. Diskussionspapier von ju*fem_netz. Bei Diskussionsbedarf können gerne weitere Stellungnahmen geschrieben werden, welche wir dann hier veröffentlichen. -


Ein Wider_spruch des ju*_fem_netz gegen die Vereinnahmung des Emanzipationsbegriffs durch reaktionäre Politik.


Bisher ist Kristina Schröder (CDU) vor allem negativ aufgefallen: Durch ihre Initiative für die Extremismusklausel, die lächerliche Anprangerung angeblicher „Deutschenfeindlichkeit” und ihre Idee der freiwilligen „Flexiquote” für Frauen in Unternehmen. Dass sie keine feministischen Forderungen stellt bzw. fördernde Politik macht für die Menschengruppen, für die sie Ministerin ist (Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), ist ebenfalls unübersehbar. Schröder möchte nicht die „Gouvernante der Nation” sein, schreibt sie in ihrem Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber!”. Als solche verstehen sich laut der Ministerin offenbar jene feministischen „Bodentruppen”, die sich angeblich nach Macht und geschlechtlicher „Gleichschaltung“ sehnen. Schon bei der Verwendung dieses  Vokabulars wird die fragwürdige Positionierung der Ministerin deutlich.


Bei derart antifeministischen Äußerungen regt sich Kritik: Ein von den Grünen Berlin initiierter überparteilicher Zusammenschluss, der in drei Wochen immerhin ca. 24800 Unterstütz_erinnen fand, möchte Schröder von ihrem Thron hieven und ruft in einem offenen Brief im Internet dazu auf, zu sagen, sie sei „nicht meine Ministerin”. Bei allem Verdienst des Zusammenschlusses, eine direkte, zeitnah kritische Reaktion auf Schröders Feminis_tinnen-Bashing öffentlich angestoßen zu haben, scheint uns die Strategie doch zu kurz gegriffen: Eine ungeliebte Ministerin einfach absägen – und dann ist alles gut? Schröder ist nicht unsere Ministerin – so weit, so klar. Allerdings vertritt sie letztlich eine konservative Linie, in der Frauenpolitik immer wieder mit Familienpolitik verwechselt und dabei Frauen* mit Mutterschaft in eins gesetzt werden. Das von allen Seiten kritisierte Betreuungsgeld ist ein politisches Mittel, mit dem ein Anreiz vor allem für Frauen* mit Kindern geschaffen wird, ihren zugewiesenen Platz im Privaten als Sorgende einzunehmen.
Demgegenüber muss es unseres Erachtens darum gehen, Freiräumen und Möglichkeiten für die Teilhabe von Frauen* in ALLEN Bereichen der Gesellschaft zu schaffen – was sie damit machen, ist ihre Sache und nicht die von Schröder.


Schröder ist nicht unsere Ministerin – von der Leyen auch nicht, die gerne eine Frauenquote in Wirtschaftsunternehmen durchsetzten will. Eine Frauenquote ist ein adäquates Mittel, um für gleich qualifizierte Frauen* die Chancengleichheit gegenüber ihren männlichen Mitstreitern im Ansatz zu ermöglichen. Damit ist ein Blumentopf für sowieso schon privilegierte Frauen gewonnen. Frauen*, die über Klassismus und damit verwoben oft auch Rassismus, Migratismus, Ageismus und Ableismus diskriminiert sind, werden durch Quotenregelungen ausgeschlossen. Ebenfalls diskriminiert werden dabei all jene Menschen, die sich nicht als Frauen oder Männer definieren. In dieser Gesellschaft existieren Hierarchien aufgrund von Merkmalen, die Menschen zugeschrieben werden und mit Hilfe derer sie Diskriminierung oder Privilegierung erfahren. Eine „Wahlfreiheit”, von der so viel gesprochen wird, gibt es allerdings sowieso nicht. Weder in Bezug auf Arbeit, noch in Bezug auf Geschlechterdiversität, noch in Bezug auf Begehren und auch nicht in Bezug darauf, dass Menschen als Menschen mit Bedürfnissen und Fähigkeiten gesehen und nicht nach diskriminierenden Kriterien bewertet werden sollen. Bei der Frauenquote ist es nicht vorbei. Feminismus ist mehr als Kämpfe in Teilbereichen, weil es doch um viel mehr geht!


Viele der am ju_fem_netz Beteiligten kommen aus der feministischen Mädchen*arbeit. Diese begreifen wir als einen Ort, wo sexistische Strukturen wirkmächtig aber eben auch verhandelbar werden. Unser Ziel ist es, Mädchen* und jungen Frauen* Mut zu machen, kritisch auf gesellschaftliche Strukturen zu schauen und Benachteiligungen nicht weiter als individuelles Scheitern, sondern als das Ergebnis diskriminierender Politik und Menschenbilder zu begreifen.

 

Wir wollen jungen Frauen* und Mädchen* Mut machen, neue Wege zu beschreiten und zwar jenseits einer stumpfen Selbstoptimierung mit dem Ziel bestmöglicher Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Wir wollen sie unterstützen, Ideen zu spinnen für ein Leben, das sehr viel mehr bereithält als die heterosexistische Kleinfamilie. Eine Familienpolitik, wie sie derzeit gemacht wird, die Menschen auf ihre Verwertbarkeit zurichtet, ihnen strukturelle Benachteiligung als individuelles Scheitern selber anlastet und Mädchen* weismachen will, dass „Frausein“ und „Muttersein“ das gleiche meint, können wir nicht gebrauchen. Sie ist kontraproduktiv für unseren Versuch, Mädchen*arbeit feministisch zu denken und zu gestalten, und sendet fatale Signale an Mädchen* und junge Frauen* aus.

 

Wir positionieren uns gegen eine neoliberale Verwertbarkeitslogik, die Frauen* und Mädchen_ nur noch im Kontext von Vereinbarkeiten, Bildungsgewinn und Führungspositionen verhandelt. Vielmehr wollen wir diese Elitediskurse als kapitalistische Logik und Mechanismen einer weißen Dominanzkultur verstanden wissen. Wir kritisieren die individualisierte und verdeckte Ausbeutung von Frauen* in Form von unter- und unbezahlter, unsichtbarer, gesellschaftlich abgewerteter Arbeit sowie die Festschreibung auf die bestimmte Rollen, z.B. die der Sorgenden.
Das heterosexistische Familienmodell ist nicht unseres: Wir stellen uns gegen normierte Erwartungen an unser Leben. Wir wollen selber über unsere Körper, Beziehungen und Lebensmodelle entscheiden. Feminismus verstehen wir als kritische Haltung gegenüber allen Dimensionen struktureller Diskriminierung, die wir als interdependent, als untrennbar miteinander verwoben ansehen. Deshalb sprechen wir uns nicht nur gegen Sexismus als Sammelbegriff für alle Formen von Privilegierung und Diskriminierung auf Grund von Geschlecht/Sexualität aus, sondern auch gegen Rassismus, Ableismus, Klassismus, Antisemitismus, Ageismus und andere gewaltvolle Regimes, die Menschen benachteiligen, ausschließen, unterdrücken oder verletzen. Außerdem bedeutet Feminismus für uns, Widersprüche zusammen zu denken und gleichzeitig Utopien zu entwickeln, uns zu empowern und dies auch anderen zu ermöglichen und in politische Praxis münden zu lassen.

 

Pauschalisierende und polemisierende Feminis_tinnenhetze kritisieren wir als Mittel zur Erhaltung des privilegierenden/diskriminierenden Status Quo und Zei chen für eine Abwehr dagegen, eigene Privilegierungen zu reflektieren. Wir beziehen uns wertschätzend und solidarisch auf die verschiedenen früheren und heutigen feministischen Bewegungen und sehen gleichzeitig die Notwendigkeit, uns kritisch mit ihren/unseren vielfältigen Standpunkten und Haltungen zu verschiedenen Themen auseinanderzusetzen.


Weitere Infos zum ju_fem_netz:
http://www.feministisches-zentrum.de/junge-feministinnen-maedchenarbeit
Bundesweites Vernetzungstreffen: 7. - 9. September 2012, Freiburg im Breisgau

 

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In diesem Text werden Sternchen und Unterstriche verwendet, um Personenbezeichnungen anders als über Zweigeschlechtlichkeit herzustellen. Der Unterstrich steht hier nicht, wie in anderen Texten, zwischen maskuliner und femininer Endung, damit konventionalisierte Schreibweisen, die Männlichkeit als Norm und Weiblichkeit als Ableitung/Abweichung konstruieren, nicht reproduziert werden. Bei Konzepten, die auf Zweigeschlechtlichkeit beruhen (z.B. Frauenquote), steht kein Sternchen/Unterstrich. Beide Zeichen werden auch verwendet, um andere be- und überdenkenswerte Wörter hervorzuheben (Wider_spruch, jung*).

 

Juni 2012

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