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haeftling not wanted - Gefangenenarbeit in Deutschland

Autor_in: 
Sophie Baumann
Text: 

„Arbeit für Alle!... Knastarbeit vertreibt Zeit, hält Qualifikationen aufrecht und bringt denjenigen etwas bei, die zuvor noch nicht im Berufsleben gesteckt haben... Jailwear funktioniert. Denn das, was drin fabriziert wird, fasziniert die Menschen draußen.“(w-id-art'n'commerce)



Für Strafgefangene und jugendliche Untersuchungshäftlinge herrscht im Knast Arbeitszwang. Sie sind gesetzlich verpflichtet, 38,5 Wochenstunden gegen einen Lohn von 1,38 € in einer ihnen zugewiesenen Stelle zu malochen.
Für die unbekannte Parallelwelt Knast wird Arbeitspflicht erzieherisch begründet, als Besserung durch Ordnung,Gehorsam und Gesundhaltung. Daneben werden ökonomische Argumente herangezogen, zum Beispiel das Ansparen von Überbrückungsgeld und die Unterstützung Familienangehöriger. Dennoch sorgt der deutsche Knast dafür, dass seinen Insassinnen sich nach der Entlassung verschulden und perspektivischer Arbeitslosigkeit ausgeliefert sind. Eine vollständige Refinanzierung der Haft über die geleistete Zwangsarbeit ist ebenfalls unrealistisch: Im Jahr 2007 hat Berlin 154,4 Mio € für den Unterhalt der Gefängnisse ausgegeben, die Einnahmen durch Knastbetriebe betrugen nur 8,68 Mio €.

Staatlich erzwungene Schwarzarbeit
Die Insassin schuftet ohne Arbeitsvertrag und gilt für die Sozialversicherungen als erwerbslos: sie ist nicht kranken- aber arbeitslosenversichert. Das ist besonders für Angehörige problematisch, die von der Insassin abhängig sind. Bei unverschuldeten Arbeitsausfall, wie Krankheit der Aufseherin führt fehlender Rechtsschutz zu Lohnausfall und Verbleib in der Zelle. Auch Gewerkschaftsrechte fallen hinter Gittern aus.
Eine Arbeitsverweigerung kann zu Disziplinarmaßnahmen und Versagungen führen. Neben dem Entzug von Zeitungen und Taschengeld, kann der Verweigererin der Hofgang sowie das Briefe schreiben verwehrt und ein Haftkostenbeitrag erhoben werden. Im Extrenfall wird sie bis zu 4 Wochen in eine Arrestzell verfrachtet.

Realitäten im Knast
Paradoxerweise herrscht trotz Arbeitszwang eine hohe Arbeitslosigkeit (um die 40%) sowie Konkurrenz um vorhandene Stellen. Arbeit steht im Mittelpunkt des Knastalltags. Sie löst die Gefangenen aus der Einsamkeit der Zelle, ermöglicht den Einkauf von Gemüse oder Tabak und strukturiert den Tagesablauf. Vor diesem Hintergrund erschrecken besonders die Arbeitslosenzahlen von Langzeiteinsitzenden: 30%. Frauen ist der Zugang zu Arbeit strukturell erschwert. Sie sind mehrheitlich in Männervollzugsanstalten mituntergebracht, dort haben sie aufgrund der Geschlechtertrennung zu vielen Infrastrukturen keinen Zugang .

„In Haftanstalten werden Gefangene nicht etwa an hochmodernen Maschinen ausgebildet und ihnen alle Wege geebnet um problemlos höhere Bildungsabschlüsse zu erreichen, die ihnen nach ihrer Inhaftierung ermöglichen würden, außerhalb des Niedriglohnsektors einer Tätigkeit nachzugehen “, schreibt Thomas Meyer- Falk, Insasse seit 1998. Dennoch arbeiten die meisten angesichts der Alternativen in der Zelle: Briefe schreiben, lesen,Gymnastik, „endloses Spielen von Real-Solitär“. Nur wenige Gefangene arbeiten selbstständig oder gar draußen im offenen Vollzug mit einem Arbeitsvertrag. Die meisten versorgen in Gefängnissen entweder die Anstalt selbst (Wäscherei) oder produzieren für externe Abnehmerinnen. Die Gefangenen ziehen Kordeln durch Einkaufstüten (für Douglas), verpacken Bügelbrettbezüge (für Tchibo) oder Bio-Kaffee (für Serco)... Immer mehr Großkonzerne steigen in die Knastproduktion ein. Einige emtwicklen Knastarbeit zu ihrer eigenen Identität: „made on the inside to be worn on the outside“. Kleidungsprodukte aus dem Knast werden als Jailwear bezeichnet. Mit „Produkte aus kreativen Zellen“ werben die Knast-Marken Haeftling (JVA Tegel) und Santa Fu (JVAHamburg).

Fiktive Mildtätigkeit

Knastarbeit wird zur selbstlosen Mildtätigkeit verklärt. Firmen übernehmen fiktive soziale Verantwortlichkeiten der „Illusionsmaschine “Knast; verkannt wird der rechtlose Status der verpflichteten Insassin. Integriert wird das Gefängnissystem selbst, nicht aber dessen Insassen. Insassinnen sind „als Arbeitskräfte nur solange interessant, wie sie als Häftlinge zum Niedrigstlohn produzieren.“ Der echte Arbeitsvertragsabschluss mit FreigängerInnen oder Entlassenen findet äußerst selten statt.
Neben der Kritik an Verklärung und Arbeitsbedingungen - geringe Entlohnung, Monotonie, ungenügender Rechtsschutz, Ausgliederung aus Sozialsystem und Arbeitslosigkeit - muss der Zwang zur Arbeit grundsätzlich in frage gestellt werden, unabhängig davon, wie viele Häftlinge sich ihm momentan aktiv erwehren (können).
Arbeitszwang steht im Widerspruch zu gestaltenden, bewusst handelnden Personen und nimmt den Menschen hinter Gittern ihr letztes Bisschen Freiheit. Arbeit muss von Strafe komplett getrennt werden. Zwangsarbeit in Knästen gehört abgeschafft.

Zum weiter lesen:
*http://www.labournet.de
*www.strafvollzugsarchiv.de
*Loïc Wacquant: Das Janusgesicht des Ghettos und andere Essays, 2006
*Kai schlieter: knast report. das leben der weggesperrten, 2011

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